Nepal-Bericht 4/2013

Liebe Familie, Freunde und Kollegen,

leider lässt bei uns beiden „Alten“ der gesundheitliche Zustand mal wieder sehr zu wünschen übrig.  Somit hat es leider ein bisschen gedauert, bis wir diesen Bericht unserem lieben Webknecht Andi zur weiteren Bearbeitung (danke Dir Andi!) zukommen lassen konnten. Immer mal wieder muss sich einer von uns „niederlegen“ und sich vom anderen pflegen lassen. Gottseidank sind wir nie gleichzeitig krank. Aber es nervt echt!

Heute will ich Euch von unserer Reise nach Kathmandu mit unserem blinden Baby berichten.

Vorab zur Finanzierung, welche ja im Vorfeld geregelt werden musste. Noch während seines Aufenthalts in Nepal konnten wir unseren Gerhard B. (Großspender von Phoolbaari) für die Finanzierung der vermuteten OP Kosten  gewinnen. Nach mehreren Vorgesprächen  erklärte er sich bereit, stattliche  1000 € für unser Baby zu spenden!

130421_Reisebericht-Nepal-04_html_m422b35f5Ein sehr herzliches Dankeschön an dieser Stelle an Dich lieber Gerhard!

Auch unsere NGO Phoolbaari e.V. hatte zugesagt, sich mit 500€ zu beteiligen! Spontan hat sich auch unsere Patin in Deutschland, Kerstin W., gemeldet und für unser blindes Baby 50€ gespendet. Danke Dir Kerstin!

Früh morgens starteten wir von unserem Bhakkal Dorf aus. Unsere Mama musste derweil ca. 1 Stunde mit ihrem Baby laufen, um unsere „Bushaltestelle“  in Bhakkal zu erreichen.

Da die Familie bitterarm ist, hatten wir schon im Vorfeld Babykleider zum wechseln und Windeln für die Fahrt besorgt. Hier in Nepal tragen die Babys wie bereits berichtet keine Windeln. Wird „gepieselt“, so wird das Baby abgehalten und mit neuen Tüchern umwickelt. Im Bus ein sehr schwieriges Unterfangen ;-). Unser Baby konnte somit zum ersten  Mal seinen Pamperspopo genießen, auch wenn’s am Anfang für den kleinen Kerl sehr gewöhnungsbedürftig war.

130421_Reisebericht-Nepal-04_html_m5d309591130421_Reisebericht-Nepal-04_html_m49157bc9Bei Ankunft wurde unser Baby gleich in neue Kleider gesteckt (war geruchstechnisch einfach besser) und gewaschen, was ihm erst mal großes Unbehagen bescherte.

Schlussendlich hat er sich dann doch beruhigt, die neue Babywäsche fühlt sich ja sehr weich und gar nicht unangenehm an …

130421_Reisebericht-Nepal-04_html_7bf17136130421_Reisebericht-Nepal-04_html_m48160c52… bis er auf den Arm der großen Unbekannten musste, die ganz anders als meine Mama roch und dann auch noch so komische Laute von sich gab.

130421_Reisebericht-Nepal-04_html_54f6be64130421_Reisebericht-Nepal-04_html_147025f1Kurz zur Lebensgeschichte von Laxmi, der Mutter unseres blinden Babys, Kusal Sunar. Mit 14 Jahren hat sie ihren Cousin aus dem Nachbardorf geheiratet, mit 16 Jahren haben sie ihre erste Tochter bekommen, welche heute 13 Jahre alt ist. Laxmi ging nur 2 Jahre in die Schule, danach arbeiteten beide Eheleute als Tagelöhner (Lohn: 1,5 € pro Tag). Eine zweite Tochter folgte, welche heute 10 Jahre alt ist. Ihr drittes Kind, ein Sohn starb bei der Geburt (Steißlage, erstickte während der Geburt) und dann folgte Kusal Sunar, nun 1 Jahr, welcher blind ist. Ob dazwischen weitere Schwangerschaften erfolgten,  was sehr wahrscheinlich ist, ist mir unbekannt.

Die Erblindung des Babys könnte lt. Dr. Durga auch auf die nahe Verwandtschaft der Eheleute zurückzuführen sein.

Irgendwie war mir Laxmi nicht fremd aber aufgrund der Sprachbarriere konnte ich nicht genauer nachfragen. Dunkel erinnerte mich der oft teilnahmslose Blick an etwas … und dann kam die Erinnerung. Letztes Jahr im health post, da war doch eine traurige Gebärende und ein betrunkener Ehemann, welcher sich nach der Geburt seines Sohnes unmöglich aufgeführt hatte (ich hatte hierüber berichtet) … ? Konnte das denn möglich sein, dass ich bei der Geburt des blinden Babys dabei war?

Und tatsächlich,  es war die Laxmi und ihr Baby. Nur der Betrunkene war jetzt tot, er hatte sich zu Tode getrunken und Laxmi war jetzt Witwe.

Tanka konnte für mich auf Nepali nachfragen, die Mutter hatte mich auch gleich wiedererkannt.

Doch nun zurück zur Reise und was alles in Kathmandu  passierte.

Mutter und Kind sowie wir beide fuhren mit dem Bus zur nächsten Stadt, Dulegaura, und dann mit dem Phoolbaari-Jeep weiter nach Kathmandu (ca. 6-7 h).  Wir freuten uns schon sehr auf die Annehmlichkeiten, welcher ein Jeep im Gegensatz zu einem Langstreckenbus bietet.

Leider musste aufgrund Überfüllung des Jeeps (plötzlich mussten wieder 3 weitere Verwandte irgendwohin mitgenommen werden) mein Herbi und Tanka erst mal im Laderaum mitfahren.

130421_Reisebericht-Nepal-04_html_410444ac… war ganz schön staubig, nicht? … ;-).

Unterwegs haben wir dann erneut Babysachen zum Wechseln und eine Wechselgarnitur für Laxmi eingekauft, nachdem ich ihre mitgebrachten Sachen in der kleinen Tasche gesichtet hatte. Die Kleidung war schmutzig und geruchstechnisch nur in Ausnahmesituationen  vertretbar.

Für uns „Westler“ ist es auch seltsam, wie „Geschenke“ in der nepalesischen Kultur angenommen werden. Sie freuen sich nicht bzw. zeigen ihre Freude nicht. Ohne Mimik und ohne unser (sehr wichtiges) Danke wird das Geschenk entgegengenommen. Für uns ist nicht zu erkennen, passt es, richtig ausgesucht, freuen sie sich … ? Auch erwarten wir oft Dankbarkeit (oft unbewusst), wenn wir schenken. Auch hier hat die nepalesische Kultur andere Werte. Laxmi fragte unmittelbar darauf nach, ob sie nicht noch weitere Kleidungsstücke bekommen könnte. Die Gelegenheit war ja günstig und es gilt hier das Maximale aus der Situation „herauszuholen“, so eine Chance bietet sich sicherlich nicht so schnell wieder.

Leider ging es unserer Laxmi sehr schlecht auf der Fahrt, sie musste sich unentwegt übergeben. Fenster auf – oder wenn Zeit war Tüte auf – und raus mit dem „Zeug“. Leider hatten wir nicht daran gedacht, dass Laxmi noch nicht viele Reisen unternommen hatte und reisekrank (motion sickness) wurde. So hatten wir nicht die richtigen Medikamente zur Verfügung. Auch der kleine Wurm weinte unentwegt, es war heiß und er wurde permanent herumgeschüttelt.

130421_Reisebericht-Nepal-04_html_m4ba8112f130421_Reisebericht-Nepal-04_html_m1550a6dcLangsam wurden unsere weiteren Passagiere abgesetzt und unsere „zwei Grossen“ durften auch mit ins Innere.

130421_Reisebericht-Nepal-04_html_m3ed39e1d130421_Reisebericht-Nepal-04_html_m6c1b32dbKurze Rast während der Fahrt: hier habe ich mir wahrscheinlich eine Lebensmittelvergiftung geholt, welche mich dann nachts für die kommenden Tage übelst lahmgelegt hat.

Im Touristen Hotel in Kathmandu angekommen, war alles höchst aufregend für Laxmi. War es doch das erste Mal in ihrem Leben, in die Hauptstadt zu kommen und so komfortabel in einem Doppelzimmer (mit Fernsehen) mit eigener warmen Dusche und einer (Wasser)Toilette untergebracht zu sein. Tanka übersetzte Laxmi geduldig, wie die Dinge, z.B. Klospülung, zu bedienen sind.

Da Laxmi weder Zahnpasta, Zahnbürste, Kamm, Waschsachen noch sonstige Toilettenartikel bei sich hatte, mussten wir wieder erst mal einkaufen gehen.
Danach war duschen und entlausen angesagt.

130421_Reisebericht-Nepal-04_html_m40c2b33c… bald sind alle Tierchen gefangen …

130421_Reisebericht-Nepal-04_html_7db3856e… Blick von unserer Dachterrasse im Hotel.

Nachts erkrankte ich dann und war erst mal außer Gefecht gesetzt. Kurz vor 6 Uhr morgens klopfte Laxmi erstmalig an unsere Türe. Am Abend zuvor hatten wir sie gebeten, vor dem Eintritt in ein anderes Zimmer zu klopfen. Sie fühlte sich alleine und hatte Angst. Ich war hilflos, denn ich konnte ihr nicht helfen. Sie wollte mit uns im Zimmer sein und am liebsten hätte sie auch mit uns in einem Zimmer geschlafen. Herbert erklärte ihr so gut wie möglich, dass das nicht ginge. Als er ihr dann noch erklärte, dass ich „birmami“ / krank bin, wollte sie erst recht bei mir/uns sein. Hier in Nepal werden die Kranken nicht alleine gelassen, sondern alle Familienmitglieder sind um die Kranken herum und versorgen sie mit Essen und Trinken.

Herbert, Dr. Durga, Tanka, Laxmi und das Baby suchten somit die erste Augenklinik (Tripuresor eye hospital) ohne mich auf. Sie berichteten von langen Warteschlangen, von Kranken, die von weit her angereist waren und die Wartehallen füllten.  Leider war die Expertin für diese Art der Augenerkrankungen an diesem Tag nicht im Hause obwohl wir „terminiert“ waren. Fest stand nach der ersten Untersuchung, dass wenig Hoffnung auf Heilung besteht und daß evtl. nur eine Transplantation der Hornhaut und der Linse beider Augen helfen könne. Unsere Hoffnung auf rasche Hilfe durch eine OP schwand. Wir wurden an eine andere Augenklinik (Tilganga eye hospital) in Kathmandu verwiesen. Eine Konsultation am nächsten Tag war aber nicht möglich, da Samstags in Nepal i.d.R. nicht gearbeitet wird (entspricht unserem Sonntag).

Laxmi machte sich ab diesem Tage mit dem Fernsehen bekannt und dieser wurde ihr „neuer“ vertrauter Freund. So verbrachte sie ihre freie Zeit im Hotel mit indischen Filmen, welche sie sehr erfreuten.

Sonntags war Generalstreik in gesamt Nepal. Leider lag die Klinik ca. 8 km weit von unserem Hotel entfernt.

130421_Reisebericht-Nepal-04_html_35987176130421_Reisebericht-Nepal-04_html_6585d7fc130421_Reisebericht-Nepal-04_html_1135d9b1130421_Reisebericht-Nepal-04_html_763289aUnterwegs wurden wir Zeugen einiger weniger Ausschreitungen zwischen der Polizei und den Demonstranten. Es herrschte eine sehr aufgeheizte Atmosphäre vor und schnell wurde zum Knüppel gegriffen, Demonstranten verhaftet und (brutal) abgeführt.

Ich war wieder auf den Beinen, somit machten wir uns morgens zu Fuß auf den Weg.

130421_Reisebericht-Nepal-04_html_27270ab9130421_Reisebericht-Nepal-04_html_m79da9582Einen Vorteil hatte jedoch unser Fußweg, wir wurden nicht in Abgase eingehüllt.
Leider gab es dann doch einige „Stinker“ auf dem Weg. Zudem war es unglaublich staubig. Kennt Ihr das, nach einer Erkrankung ganz sensibel Gerüche wahrzunehmen? Herbert hätte mir am liebsten einen Stopfen in die Nase geschoben, denn meine übersensible Wahrnehmungen über die Gerüche gingen ihm auf den Keks.

130421_Reisebericht-Nepal-04_html_21689ad5130421_Reisebericht-Nepal-04_html_m3665080Es tut einem in der Seele weh, wenn man sieht, wie hier die Natur zerstört wurde. Der ganze Fluss, welcher durch Kathmandu fließt,  ist eine Müllhalde und stinkt erbärmlich. Kein Lebewesen kann hier mehr existieren. Oftmals sieht man aber kleinere Slumsiedlungen, welche sich am Rande dieses Flusses niedergelassen haben. Nach ca. 1,5 Stunden hatten wir das Tilganga Eye Hospital zu Fuß erreicht.

130421_Reisebericht-Nepal-04_html_m2cd1b857130421_Reisebericht-Nepal-04_html_md818263Erschöpft kamen wir nach dem langen Marsch in der Klinik an, nur klein Kusal Sunar gönnte sich derweil ein Nickerchen.

130421_Reisebericht-Nepal-04_html_m6aa810a7130421_Reisebericht-Nepal-04_html_m6ae9f519Wieder mussten wir warten und es erfolgten mehrere Untersuchungen mit unserem blinden Baby. Mit jeder neuen Untersuchung schwand unsere Hoffnung auf eine Operation, welche unseren kleinen Kerl wieder sehen lassen könnte. Frustration aber auch Ärger stellte sich ein. Wir waren schlichtweg zu spät. Beide Augen waren schon zu sehr geschädigt und der Prozess fortgeschritten. Wären wir mit Kusal unmittelbar nach seiner Geburt erschienen, wäre das gesamte Auge /der Sehnerv noch nicht so zerstört gewesen und es hätte Hoffnung bestanden. Mittlerweile war der Sehnerv fast gänzlich zerstört, der Augeninnendruck viel zu hoch, die Augeninnenmasse breiig und die  Durchlässigkeit der Linsen und Hornhaut nicht mehr gegeben. Durch die Unterernährung des Babys war auch das Wachstum der Augen und des Gehirns massiv beeinträchtigt.

Was wir tun können ist, zu versuchen, den derzeitigen schlechten Allgemeinzustand des Jungen zu verbessern (Mangelernährung). Er muss gut ernährt werden, gutes Essen und Vitamine erhalten. Seine Augen und sein Gehirn müssen sich weiterentwickeln und regelmässige Kontrollen in der Klinik bzgl. des Augendrucks sind unbedingt einzuhalten.

130421_Reisebericht-Nepal-04_html_mc2b170c130421_Reisebericht-Nepal-04_html_m45c06954Traurig machten wir uns wieder auf den Nachhauseweg. Nach einer kurzen Pause mit Dhal Bhat …

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… passierten wir wartende Rigshas (welche horrende Preise verlangten),

130421_Reisebericht-Nepal-04_html_68da3ce laute  Demonstranten …

130421_Reisebericht-Nepal-04_html_m557aa0a4… aber auch spielende Kinder …

130421_Reisebericht-Nepal-04_html_m4d16b7fa… und einsame Straßenviertel …

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… manch einer gönnte sich ein Nickerchen …

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… die Baustellen standen still …

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… und nur wenige Besucher besichtigten die Tempel.

Am nächsten Tag ging es zurück in unser Bergdorf. Diesmal hatten wir Laxmi rechtzeitig mit Medikamenten versort und unsere Rückreise mit dem Bus verlief ohne nennenswerte Probleme.

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Zu Hause gingen wir dann gleich ans Werk: Laxmi und ihr Baby sowie ihre zwei Mädchen werden an unser Phoolbarri Hospital angebunden. Erste Schritte wurden in die Wege geleitet, um den schlechten gesundheitlichen Allgemeinzustand zu verbessern. Laxmi muss Milch, Babynahrung und Vitamine zufüttern. Wir versuchen derzeit, die Spendengelder kontinuierlich über Dr. Durga an die Familie weiterzuleiten.  Laxmi muß aber nachweisen, dass sie die Gelder zweckgebunden verwendet. Auch sind weitere Sachleistungen zur Verbesserung des allgemeinen hygienischen Zustands im Haushalt der Familie geplant.

Wir wollen auch versuchen für Laxmi eine Arbeit zu finden, sie evtl. auch ein neues Handwerk lernen zu lassen wie z.B. Korbflechten. Sie soll langfristig lernen, ihre eigene Familie selbstständig zu ernähren. Mal sehen, wie wir mit diesem Vorhaben vorankommen.

Viele Witwen verlassen ihre Kinder in Nepal, wenn ihre Lebenssituation zu hoffnungslos geworden ist. Diese werden dann meist bei den restlichen Familienmitgliedern zurückgelassen oder leben fortan in Waisenhäusern.

So das war’s mal wieder für heute,

alles Liebe für Euch,

Eure Brigitte und Herbert

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1 Response to Nepal-Bericht 4/2013

  1. Gabriele Schenk sagt:

    Liebe Brigitte, lieber Herbert,
    Es ist großartig, was Ihr dort leistet. Ich lese die spannenden Berichte mit grossem Interesse. Schade, dass bei solchen Strapazen, die Ihr auf Euch nehmet, nicht alle Vorhaben realisiert werden können. Aber wir Menschen können nun mal nicht alles beeinflüssen. Ich wünsche Euch weiterhin viel Kraft und vor allem Gesundheit, damit noch möglichst vielen Familien dort Gutes getan werden kann.
    Ich freue mich drauf, Euch bald wieder in Deutschland zu sehen und noch mehr zu erfahren. Bleibt gesund!
    Liebe Grüsse
    Gaby

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